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Der technische Fortschritt hinterläßt seine Spuren

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alex maennlich User hat ein Bild im Profil (1981) (-2961-) ( 61 Beiträge im Forum. Rang: Hobby-Autor )

9. Mar 2007 - 20:38
Der technische Fortschritt hinterläßt seine Spuren

Gerade habe ich mich wieder einmal über die doch so tollen
Tetrapackbehältnisse geärgert. Dazu eine kleine Geschichte die mir
google.de verraten hat.


Der Weisheit letzter Verschluss


Der technische Fortschritt hinterläßt seine Spuren – manchmal einfach auf
unserer Milchtüte – oder auf unseren Küchenmöbeln.
Ein kleiner Exkurs in die Tücken des Alltags und was das über den
Fortschritt unserer Gesellschaft aussagt.



Flüssigkeiten sind rechteckig – jedenfalls wenn sie günstig im Einkauf
sein sollen!

Vor zwanzig bis dreißig Jahren: Ich öffne einen Milch- oder Saftkarton.
Tetrapack-Kartons sind etwas Feines – nur leider gibt es ein Problem: Ohne
passende Schere sind sie total unpraktisch. Die ersten Versionen dieser
rechteckigen Schalentiere hatten zudem noch nicht einmal eine Perforation,
sodass man ohne Schere ziemlich aufgeschmissen war. Manche besonders
geschickten Menschen konnten sie zwar auch ohne Perforation aufreissen,
aber ich muss zugeben, dass mir das nicht immer überzeugend gelang.

Dann war da noch das Problem mit der optimalen Größe der zu erzeugenden
Öffnung. Ist die Öffnung zu klein, dann kommt nicht viel heraus und man
beginnt unwillkürlich zu drücken – was in wahren Fontänen von
Inhaltsflüssigkeiten enden kann. Ist die Öffnung zu groß, dann kann erst
recht alles verschütten, weil dem Strom die ordentliche Begrenzung fehlt –
dieser Fall tritt aber wenigstens nicht so häufig auf.

Später gab es dann endlich die Perforation an der Ecke – also Ecke
hochgezogen und auseinandergedrückt und mannhaft abgerissen! Man ist ja –
zudem als junger Mensch – ein Mann des Fortschritts und will sich des
Fortschritts auch schon in den 70ern oder 80ern nicht verschliessen.

Doch, Oh Graus: Der so fortschrittlich aufgerissene Saftkarton erweist
sich oftmals als nicht optimal in den Ausgußeigenschaften. Die Kanten sind
rauh und die Flüssigkeit fühlt sich wiederum genötig in andere Richtungen
zu strömen als erwünscht. Manchmal ist es einfach nur ein Stück der
Innenfolie, die sich querstellt und den Strom zur Seite lenkt. Es gibt
auch – je nach Geschicklichkeit des Aufreißers – noch mehr falsche oder
unpraktische Öffnungsgrößen wie bei der Scherenvariante.

Also verwendete ich – wie unmodern – wieder die Schere!



Heute sind wir doch in allem weiter. Wir haben schließlich ein neues
Jahrtausend und Menschen können inzwischen jederzeit in fast jeglicher
Lage und Situation miteinander telefonieren – zum Beispiel kurz vor einer
Massenkarambolage auf der Autobahn. Dass der Gehalt dieser Gespräche
derweil im Schnitt nicht zugenommen hat, tut diesem Fortschritt keinerlei
Abbruch! Immerhin zahlen wir jetzt mehr dafür.

Auch heute gibt es noch die formschönen Tetra-Pack Kartons im praktischen
Rechteck-Design. Jedoch gibt es nicht mehr nur die zwei Varianten mit oder
ohne Perforation – nein, die Perforation gibt es – dem Fortschritt sei Dank
– praktisch gar nicht mehr!

Stattdessen kennt die Vielfalt der heutigen Quadergetränkebehälter keine
Grenzen: Meist ziert heute ein exklusiv wirkender Plastikaufsatz ein
Behältnis dieser Gattung. Da läßt sich Schrauben, da läßt sich Drücken, da
läßt sich Ziehen! Wunderbare Konsumentenwelt! So eine Pracht hätte ich mir
damals mit meiner einfallslosen und rückständigen Schere kaum träumen
lassen!

Ja, ja, die schöne neue Plastikwelt macht es möglich: Wo früher tumber
Einheitsbrei war und man sich die lackierten oder unlackierten Fingernägel
mit der nicht vorhandenen und selbst bei der vorhandenen Perforation
ruinierte, da herrscht jetzt moderne Qualität, die für einheitlich
ungetrübten Konsumenten-Genuss sorgt!

Ein prachtvoller Plastikaufsatz sorgt für echtes Vergnügen. Nie wurde so
fein und qualitativ hochwertig geschüttet wie heute. Durch diesen Aufsatz
wird absolut garantiert, dass das Öffnen leicht von der Hand geht und man
danach dank Plastik-High-Tech sorgenfrei schütten kann.

Natürlich kaufte ich als moderner und der Technik aufgeschlossener Bürger
einige dieser High-Tech-Verpackungen.

Zunächst der Drehverschluss: Wunderbar einfach drehen, schon offen. Unter
dem Verschluss öffnet sich eine dezente Klappe in das Innere des
Luxusbehältnisses. So ist ein Tetrapack nicht mehr nur ein Karton für
Billiginhalte, sondern gar ein würdiger Nachfolger der Flasche. Ein
Penthouse für Kaltgetränke quasi.

Doch enttäuscht wurde ich schon beim zweiten oder dritten Karton dieser
Art: Beim Drehen spürte ich plötzlich erheblichen Widerstand. Irgendwie
ahnte ich Ungemach — ich schüttete und verschüttete. Warum dieser
unmotivierte Strahl zur Seite nur? Des Rätsels Lösung: Die Klappe hatte
nicht richtig aufgeklappt. Also mit Messer, Gabel, Dosenöffner und
Korkenzieher nachgebessert. Nach einiger Arbeit und Stress ging es wieder
– vielleicht doch noch nicht der Weisheit letzter Verschluss ...

Aber auch Aldi kennt Kartons – und diese haben sicherlich den Dreh raus –
ganz ohne Drehverschluss. Am Milchkarton einfach ziehen – schon ist der
Karton offen und leicht läßt er sich durch die selbe Klappe verschliessen
– besser geht es nicht. Ich zog am Ersten und am Zweiten und am Dritten.
Doch der Dritte ging nicht auf. Ich zog fester und fester. Schließlich
öffnete sich nur ein winziger Schlitz und Schwapp – ein Teil des Inhaltes
eröffnete sich über meinen schönen Küchenboden.

Ein Messer, ein scharfes Messer, ein Königreich für ein scharfes Messer!
Sicherlich nur ein kleiner, selten vorkommender Produktionsfehler! Das
Messer öffnete den Karton weiter und mehr Milch ergoss sich über meinen
Küchenboden. Schließlich – nach allzu langer Zeit – war der Verschluss
offen, aber aufgrund meiner Messerschnitte nicht mehr verschliess- und
kaum noch brauchbar.

Heute schon wieder so ein Karton – ging einfach nicht auf. Schon wieder –
wahre Messerarbeit geleistet – danach mich geärgert, dass ich nicht
einfach die Seitenlaschen angehoben und mit der Schere aufgeschnitten
habe, bevor mein Küchenboden wieder mit der Milch Kontakt bekam. Hätte
auch nur einen Bruchteil der Zeit gekostet.



Ja, so ist das mit dem Fortschritt heute: Die Verpackungsindustrie wird
immer perfekter – und wir schauen hungrig in die leere Backröhre, weil wir
die Folie der Pizza ohne Spezialwerkzeug nicht öffnen können. Selbst die
Stereoanlage bleibt stumm, weil die CD so gut eingeschweist ist, dass sie
auch garantiert die nächsten 40 Jahre überlebt – ohne gehört zu werden.
Natürlich gibt es einen Streifen, der das Öffnen kinderleicht machen kann
– sofern man, was selten der Fall ist, überhaupt an selbigen dran kommt.

Wir leben in der Zeit, in der alles – von der Minibatterie bis zum
Müsliriegel – alles, alles einzeln abgepackt und staubdicht versiegelt
sein muss. Selbst Müllbeutel müssen absolut schmutz- und zugangssicher
verpackt sein! Wir verbringen unsere Zeit nur noch damit, die
Öffnungsstrategien all dieser verschiedenen Verpackungen zu erlernen. Wenn
man uns einige hundert Jahre später ausgraben wird, wird man nicht unsere
Kunstschätze, sondern unsere Kaugummis und einzeln verpackte Wurstwaren
vorfinden, die wir nicht aufbekommen hatten.

Der Grund ist einfach: Unsere Künstler waren zu sehr mit dem Öffnen der
Tetrapacks beschäftigt, als dass sie an das Anfertigen von irgend
gearteten Kunstschätzen hätten denken können – da hatte der archaische
Künstler es besser, der einfach den dazu passenden Korken aus der
Rotweinflasche zog!



Wir können mit viel Stolz auf dreißig oder mehr Jahre kontinuierliche
Fortschritte zum Beispiel in der Verpackungstechnik zurückblicken, in
denen wir beständig den Materialeinsatz bei nahezu gleichbleibender
Qualität erhöhen konnten.

Ich jedenfalls werde ab jetzt immer meine rückständige Schere griffbereit
halten – und die futuristischen Auswüchse unserer Plastikgesellschaft auf
den Flüssigkeitsquadern des einundzwanzigsten Jahrhunderts ignorieren!

... jedenfalls so lange, bis den Tetrapack-Herstellern einfällt wie man
mit etwas Zusatzaufwand diese lästigen Seitenlaschen wegoptimieren kann,
die im Zeitalter der Plastikfolteraufsätze jegliche Funktion verloren
haben.

Es lebe der Fortschritt, der Plastikaufsätze aufklebt und den Konsum von
Scheren und Wischtüchern optimiert!

Just,

*2Cents*

(gefunden auf http://www.2centsofwisdom.de/soc0031.html)


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